Archiv für Januar 2016

Einen Monat später: Kurze Krawallauswertung vom 12.12. in Leipzig

Wie die Zeit vergeht. Schon wieder über ein Monat rum, und uns war doch, als ob wir gestern erst das Tränengas aus Hassi, Handschuhen und Jacke gewaschen hätten, unsere Gläser hoben, auf diesen schönen Krawall in Leipzig anstoßend, an die Genoss_innen denkend, die leider von den Bullen erwischt worden waren. Und irgendeine fragt noch: Schreiben wir was dazu? Ja sicher sagt irgendwer, diesmal schreiben wir was dazu.

Aber einen Monat später sitzen wir da, lesen, was so bei linksunten steht, und stellen fest, nein, nicht nur wir, auch sonst hatten anscheinend nicht all zu viele Lust, etwas zu notieren und die eigenen Gedanken zum Steinewerfen und Barrikadenbau zu veröffentlichen. Ein Bericht vom Grundrechtekommitee, der uns gefallen hat, genauso wie der schöne Text, der erläutert, wie sich zumindest ein wenig vor Repression geschützt, und wie ein wenig die Effizienz im Kampf gegen den Staat erhöht werden kann, aber sonst: Nicht viel, was uns beschäftigt hat. Hier und da hörten wir etwas davon, der Krawall sei nicht zielführend gewesen, das es dumm sei, das eigene Viertel zu verwüsten, und überhaupt, wie nun alle wieder über uns denken würden. Und so weiter und so weiter. Vielleicht ist es auch gar nicht immer nötig, etwas zu verfassen, aber nun steuern wir eben auch noch was zur Debatte bei, auch wenn schon ein wenig Zeit ins Land ging, und ja an einigen Orten schon die nächste Scheiße ansteht, die unsere Aufmerksamkeit und unseren ungebremsten Tatendrang fordert. Und weil es zum guten Ton gehört, hier noch schnell der Autonomendisclaimer: Wir schreiben nur für uns und nicht für die Bewegung etc blabla. Here we go.

1. Herzlichen Glückwunsch, wir gratulieren.
Nein, nicht zur Randalemeisterschaft, sondern schlich und einfach uns allen, die wir da waren und die sich am Krawall beteiligten, oder sich anderweitig betätigten und zum Krawall nicht auf Distanz gingen, sondern solidarisch blieben und daran ihre Freude hatten. Das haben wir, können wir doch mal anerkennend sagen, alle zusammen schön hinbekommen. Ein weiteres Mal im Jahre 2015 gab es einen sogar international beachteten Krawall, wie es ihn nicht häufig gibt in Deutschland, und nun zu unserem Gefallen in letzter Zeit wieder etwas häufiger. In irgendeinem Text nach Frankfurt wurde die Frage aufgeworfen: Wann sehen wir uns denn alle mal wieder? Und Leipzig am 12.12. war die Antwort, auch wenn jetzt nicht alle dagewesen sind, die in Frankfurt dabei waren, war es doch ein schönes Wiedersehen und das wurde auch deutlich nach außen sichtbar. Was uns vor allem sehr gefreut hat: Eine tolle Mischung aus alten und jungen Aktivist_innen, verschiedenen Subkulturen, Familien mit Kinderwagen, schlicht: Ein Riot für alle.

Um eine kleine Übersicht zu bekommen: Wir gratulieren zu den Angriffen auf die Sparkasse und den Rewe am Connewitzer Kreuz, auf das großflächige Zerklimpern der Bundesbank, den etlichen zerschepperten Werbetafeln, den vielen in Brand gesteckten Mülltonnen, die zu Barrikadenzwecken auf die Straße gezogen wurden, zu dem Zerstören der LVB-Haltestellen, der Sabotage der Eisenbahnschienen, zu jedem einzelnen Reifen, der auf die Straße gezogen und in Brand gesteckt wurde, zu jeder eingedellten Bullenkarre, zu jedem Stein und jedem Böller der auf einen Polizisten geworfen wurde, und zu jedem linksradikalen Mob, der vermummt durch die Straßen zog und sich von niemandem etwas sagen lassen musste.

Desweiteren Gratulieren wir uns zu jedem Akt von praktischer Solidarität, jeder helfenden Hand, die wen vor den Bullen rettete, zu jedem geschimpften Wort, das in Richtung Bullen gerufen wurde, allen, die schon im Vorfeld sich durch Plakate aller Art an der Krawallmobi beteiligten, jedem und jeder guten Fotograf_in, der/die auf rücksichtsvolle Art und Weise ausgezeichnete Bilder schoß, jedem Demosani, der verletzten zur Hilfe kam, jedem und jeder Veranstalter_in, die im Nachhinein Solikohle für die von Repression getroffenen sammelt, und und und, sowieso und überhaupt allen, die sich auf ihre Art und Weise beteiligten. Und allen, denen es auch gut gefallen hat: Bis zum nächsten Mal, hoffentlich ganz bald!

Und jetzt direkt weiter mit etwas wichtigem:

2. Leute! Leute!! Leute!!!
Seid um Himmels Willen zukünftig vorsichtiger! Das muss direkt an zweiter Stelle gesagt werden, denn damit wir auch in Zukunft der Insurrektion nachgehen und gemeinsam krawallieren können, ist es wichtig, sich klar zu machen, das der Staat und seine Schergen die Repressionskanone längst auf uns gedreht haben und jedem und jeder Einzelnen an den Kragen will. Und klaro, unsere Gegenwaffe ist die Solidarität und so, aber auch die gute Vorsorge. Mit Vorsicht meinen wir nicht, ihr sollt nun mehr Angst vor den Bullen haben oder so, oder nicht so nah ran gehen, weil sie beißen, sondern dass ihr euch, wenn ihr euch entscheidet, Hand anzulegen, anständig darauf vorbereitet und kleidet. Dazu gibt es, wie oben schon erwähnt einen sehr guten Text, da stehen auf jeden Fall die wichtigsten Tricks und Tipps drin.

Was uns aufgefallen ist: Es scheint so eine gewisse Scheu davor zu geben, sich eine Hassi anzuziehen. Aber gerade für das Gesicht ist sie das A und O der Vermummung. Mütze und Schlauchtuch sind nichts dagegen. Dass auf Hassis irgendwann verzichtet wurde und zu Mütze und Schlauchtuch übergegangen wurde, das hat eher was mit der Entwicklung der Repression in Bezug auf Vermummung auf Demonstrationen zu tun, als in Bezug auf ihre Zweckmäßigkeit bei Krawall. Aber wir haben es ja hier weniger mit Demos, als mit Krawall zu tun. Da ist die Hassi, wie gesagt, das Mittel der Wahl, und wie gesagt, weitere Tipps und Tricks findet ihr in anderen Texten. Also keine Angst vor der Hassi! Und noch eine Sache: Lasst euer Handy einfach ganz zu hause. Ganz. Nicht ausgemacht dabei haben, nicht auseinander gebaut dabei haben, einfach so wie es ist zu hause liegen lassen, oder ganz abschaffen. Die Dinger sind der letzte Müll, zumindest so lange das mit der Revolution noch nichts geworden ist.

3. Irgendwas fehlt noch
Also wir fanden den Krawall richtig gut, aber dennoch hatten wir das Gefühl: Etwas fehlt! Und da können wir uns zumindest an die eigene Nase packen, um jetzt nicht die von wem anderes anzufassen: Es fehlt an Effizienz. Wir bekommen es nicht hin, richtig gute Barrikaden zu bauen, und wir bekommen es auch nicht hin, den Bullen so richtig zuzusetzen. Klaro, an ein paar Stellen hatten sie Schiss und sind weggejoggt(gerannt sind sie nur in unsre Richtung, wie wir das mitbekommen haben), und ein paar haben auch gejammert. Aber leider sind die Verletztenzahlen von ihnen gefaked, sie rannten eben in ihr eigenes Gas und galten dann als verletzt. Das wird zwar dankenswerter Weise in der Presse unterschlagen und uns zugeschrieben, aber wir wissen ja leider wie es war. Um ihnen richtig zuzusetzen, fehlt noch etwas. Auch ein richtiger Steinhagel scheint sie nicht zu schockieren. Und wenn sie erstmal nahe ran sind, dann gehen wir meistens flitzen, manchmal sogar, obwohl wir zahlenmäßig krass überlegen sind und das bringt es irgendwie nicht. Wir werden uns auf jeden Fall zu diesen Punkten weiterhin Gedanken machen und würden uns freuen, wenn das auch in anderen Bezugsgruppen Thema wäre. Und wenn es schon diesen Quatsch (Ein paar finden es witzig, ein paar bescheuert) mit der Randalemeisterschaft gibt, für die nächste richtig große und schöne Barrikade, und für das nächste richtig schöne Verjagen von Bullen sollte es auf jeden Fall extra Punkte geben.

4. „Das ist nicht mein Leipzig!“
So wurde es getwittert, von einigen, sehr schockierten Lepziger_innen. Wir stimmen ihnen zu. Es ist nicht ihr Leipzig. Wir mögen keine Grund und Bodenmentalität dieser Art, daher sagen wir jetzt mal nicht, es ist unser Leipzig, aber vielleicht ist es eben auch unser Leipzig, auch wenn wir extra dafür hinfahren müssen. Und mit unsrem Leipzig machen wir, was wir wollen, wenn wir können. Und dazu gehört eben auch das zerdeppern von allem möglichen Zeug, was uns nicht in den Kram passt. So ist das. Viele Leute sehen das anders, und haben Mülltonnen gelöscht, Barrikaden abgebaut und so weiter, und sich damit richtig schön für ihren Scheißstaat eingesetzt. Was war noch zu lesen: „Das hat nichts mit Toleranz zu tun“ (Stimmt genau: wir sind auch gar nicht die, die immer von Toleranz reden, das ist gar nicht unser Wert. Wir tolerieren gar nichts, was uns nicht passt, vor allem keine Nazis und auch keine Bullen und so weiter), „Das waren kriminelle Anarchisten und Autonome, die im Deckmantel des Antifaschismus gegen den Staat kämpfen“ (Zitat OB Jung aus LE; stimmt fast: Wir finden es gut, das zumindest das eine mal klar wurde, nämlich das wir nicht auf einer Seite stehen, sondern etwas grundsätzlich anderes wollen, wir wollen den Staat nicht vor den Nazis beschützen, wir wollen den Staat abschaffen, der die Nazis hervorbringt und fördert. Nur das mit dem Deckmantel des Antifaschismus ist scheiße, Antifaschismus ist zentraler Bestandteil unseres Handelns und unseres Kampfes gegen den Staat.) Eine weitere Kuriosität: Des Öfteren lasen und hörten wir: „Sie zerdeppern ihr eigenes Viertel, wie dumm, was soll das bringen“. Dazu wollen wir klar stellen: Die Südvorstadt, in der sich ein Großteil des Krawalls abspielte, ist in keiner Weise „unser“ Viertel. Das sieht man ja an einer ganzen Reihe von Drecksläden, die sich dort tummeln und Hackfressen die dort hausen. Es ist ein Hipster und Juppie Viertel. Klaro wohnen da auch nette Leute, aber das als „unser Viertel“ zu bezeichnen ist einfach Unsinn.

Insgesamt hat uns die Mediale Berichterstattung aber zugesagt, manche Übertreibung (Straßenterrorismus) hat uns ja ganz verlegen gemacht. Trotzdem: Gestimmt hat natürlich nicht alles, deswegen wollen wir eine Sache nochmal klarer machen:

5. Nicht alle sind dagegen
Die Medien haben neben der ganzen recht gelungenen Hetze gegen uns (welche uns erleichtert, denn so müssen nicht WIR uns immer von DENEN distanzieren – sie tun es nun selbst) auch ein paar Sachen verbreitet, die wir nicht ok finden. So wird unisono behauptet, das alle gegen uns wären, alle Anwohner_innen, alle Gewerbeleute. Das stimmt aber nicht. Wir haben an diesem Tag mehrfach genau auch das Gegenteil mitbekommen. Sicher nicht nur, aber eben auch, und eine Reihe von Zuspruch aus überraschender Richtung erreichte uns auch danach noch. Ein Zitat, das uns erreichte, fanden wir auch mal erwähnenswert, da sagte jemand ganz bürgerliches: „Wenn jemand die Nazis aufhalten kann, dann die.“ Was sollen wir dazu sagen? Auf jeden Fall waren einige Geschäfts- und Haustüren noch offen für Leute, die von den Bullen gehetzt wurden und wir wehren uns einfach dagegen, dass wir so ein paar isolierte Trottel wären. Wenn das so wäre dann wäre diese ganze mediale Hetze gar nicht nötig, dann wären ja sowieso alle gegen uns. Diese Position aus Politik und Medien, dass wir nur isolierte Chaos-Kriminelle sind: da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Es hat in Hamburg nicht gestimmt, es hat in Frankfurt nicht gestimmt, es hat auch hier nicht gestimmt. Wir wollen jetzt auch nicht sagen, die Massen stünden hinter uns, aber ein paar tun es auf jeden Fall. Und das sind zum Teil eben auch ganz normale Leute. Daher fügen wir der Gratulation von oben noch diese hinzu: Wir gratulieren allen, die Tür und Tor aufmachen oder auflassen, um Leuten Schutz vor den Psychoprügelbullen zu gewähren und wollen hier auch noch mal Danke sagen. Vielleicht seid ihr bei nächsten Mal ja selber mit dabei (Und dann zieht euch auf jeden Fall Handschuhe an und eine Hassi etc, siehe oben).

6.) Die Vermittlungen
Wir vermitteln hier gar nichts. Das ist doch oft völlig überbewertet, als ob die Ablehnung des Krawalls daher käme, das die Leute nicht wüssten, wieso wir krawallieren. Sie wissen es. Sie sagen es ja auch in der Zeitung, wir kämpfen gegen den Staat. Und wieso wir das tun wissen sie meistens auch. Und was wir kaputt machen sehen sie, und da können sie sich schon ihren Reim drauf machen oder fangen an, selbst darüber nachzudenken. Wir hassen den Staat, deswegen machen wir alles kurz und klein, wenn wir können. Und auch nicht willkürlich wirklich alles, sondern eben dies und das, wie ja oben in der Auflistung zu sehen. Und wenn jetzt wieder jemand kommt und sagt: Ich verstehe aber nicht, was es helfen soll eine Bahnstation zu zerdeppern, blablabla, dann müssen wir einfach sagen: Dann verstehst du das eben nicht. Also wir haben auch nichts dagegen, wenn es wer erklärt, aber wir sind da raus. Wer es schöner findet, an einer heilen Bahnhalte zu stehen, kann ja mithelfen, sie wieder aufzubauen. Da fällt uns dann auch direkt noch was anderes ein:

7.) an die unsoldidarische Linke, welche sich immer und immer wieder distanziert:
Wer die Möglichkeit zum Krawall abgibt, hat seine Untertänigkeit bereits bewiesen. Von ihm/ihr ist kein Widerstand mehr zu erwarten. Ihr steht auf der Seite der Herrschenden und bettelt um ein Stückchen Macht. Ihr und wir gehören nicht zusammen. Ihr müsst nicht mitmachen und könnt einfach eure Aktionen machen, wir hindern euch nicht und distanzieren uns nicht, aber wenn ihr nicht solidarisch seid, sondern euch distanziert, dann gehört ihr zur SPD, den Grünen und zur Linkspartei. Bitte lasst uns in Ruhe.

Die Spaltung des Widerstands bleibt auch heute eines der zentralsten Instrumente der Herrschaft. Und sie schadet nicht nur der einen Seite, die abgespalten werden soll. Sie schadet uns allen. Wir haben gemeinsame Gegner. Und diese wollen uns zu Gegnern machen, denn sie wissen, wie gefährlich wir sind, wenn wir solidarisch kämpfen.

8.) Damit wir nicht nur Schaumschläger_innen sind
Solidarität muss praktisch werden, die Parole ist ja ein alter Hut. Sich nicht zu distanzieren ist die eine Sache, zu unterstützen die andere. Wir denken da für uns, das wir noch ein wenig mehr darauf achten können, Kohle ran zu schaffen etc, und das sollten wir auch alle machen, denn es hat wieder ein paar erwischt und die brauchen nun unseren Support, am besten eben Bundesweit. Also denken wir: Kohle sammeln und immer ein Auge auf anstehende Prozesse, und vor allem, auch auf die Urteile und wer da wen verurteilt hat. Auch Silvester hat es ja hier und da schön geknallt, aber einige wurden geschnappt. Vergessen wir sie nicht!

In diesem Sinne sagen wir bis bald, wir freuen uns auf das nächste Mal!
Insurrektionalistische Linke / Undogmatische Gruppen

Quelle: linksunten.org, Einen Monat später: Kurze Krawallauswertung vom 12.12. in Leipzig