Rassenwahn im Oberland

Die feste Zuversicht, das Gedankengut des Dritten Reiches sei historisch überwunden, trügt. Weit häufiger als erwartet, schlummern in den Menschen um uns Ideen, welche rassistisch, nationalistisch und faschistisch sind. Manchmal kennt man sie, vermutet sie, denunziert sie auch. Doch man ahnt sie nicht als Bestandteil eines hochgelobten „demokratischen“ Systems. So beispielsweise Jean-Jacques Hegg aus Dübendorf.

Jean-Jacques Hegg wurde 1930 in Basel geboren, wo er die Matur machte. Heute betreibt er als Facharzt für Psychiatrie eine Praxis in Dübendorf, seinem aktuellen Wohnort, nebenbei war und ist Hegg Journalist und auch Politiker. Er wurde kurz nach deren Gründung 1961 Mitglied der Partei Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat. Die NA war eine zahlenmässig kleine Partei, doch hatte sie mit ihrem rechtsextremen Gedankengut Erfolg. Sie ist übrigens die Vorgängerpartei der Schweizer Demokraten, kurz SD. Wie der Parteiname vermuten lässt, lag der politische Schwerpunkt der NA im Kampf gegen die „Überfremdung“. Laut NA liegt der „Überfremdung“ eine zweifache Enteignung der Schweiz zu Grunde: Einerseits die Enteignung von Grund und Boden durch „Nichtschweizer“, denn dadurch bestehe die Gefahr, die Schweizer „Eigenart“, der „Volkscharakter“ gehe verloren. Andererseits erfolge eine Enteignung der Umwelt durch die „Überbevölkerung“ der Schweiz. Das heisst, dass die NA die Schweiz als Einwanderungsland und Umweltproblematiken in einen engen Zusammenhang stellte. Und genau mit dieser Verknüpfung hatte die NA Erfolg. Mit James Schwarzenbach (siehe Kasten) als „erster rechtspopulistischer Politiker der Schweiz“ wurde die fremdenfeindliche Stimmung der Schweizer Bevölkerung kanalisiert und politisch genutzt.

Heggs politische Karriere fand ihren Anfang, als er 1974 in den Gemeinderat Dübendorf gewählt wurde. Dieses Amt hatte er bis 2004 inne, allerdings mit ein paar Unterbrechungen, da er von 1983 bis 1985 als Nationalrat und von 1987 bis 1991 als Kantonsrat von Zürich tätig war. Nebenher war er von 1980 bis 1990 Chefredaktor der Volk & Heimat, der Parteizeitung der NA. Neben den politischen und (teils) wissenschaftlichen Arbeiten, die Hegg während seiner Karriere in verschiedensten Zeitungen (NZZ und Sportzeitschriften) veröffentlichte, erschienen in der Volk & Heimat nur wenige Artikel von ihm. Diese aber brachten Hegg die Rolle der Legitimationsfigur. Damit ist gemeint, dass Hegg in seinen Aufsätzen oftmals das Verhalten oder das Programm der Partei legitimierte oder schwierige Punkte, wie zum Beispiel der Vorwurf, die NA sei rechtsextrem, publik diskutierte. Das bedeutet, durch seine Rolle als Chefredaktor wurde es ihm möglich, die NA gegen Aussen politisch zu positionieren. Er hatte die Verfügung, massgeblich über den Inhalt der Zeitung zu bestimmen, auch wenn die Artikel nicht von ihm verfasst worden waren. So schrieb Hegg auch den 1989 erschienen Artikel „Eugenik – neu betrachtet“ in dem es um die historische Legitimierung der Eugenik geht.

Doch Eugenik, was ist das? Eugenik ist keine Erfindung des Nationalsozialismus. Eugenische Denkansätze gab es schon vor 1933 und natürlich auch nach 1945 in verschiedenen Ländern und Ausprägungen. Das Wort „Eugenik“ stammt aus dem Griechischen und heisst soviel wie „wohlgeboren, von edler Abkunft“. Laut dem deutschen Universalwörterbuch ist die Eugenik die Wissenschaft von der Verbesserung körperlicher und geistiger Merkmale des Menschen. Die Eugenik ist aber nicht mit der natürlichen Auslese (Selektion) nach Darwin zu verwechseln. Währendem es bei der Selektionstheorie von Darwin darum geht, dass jeweils das stärkste Lebewesen einer spezifischen Gruppe überlebt, weil es am Besten an die Umwelt angepasst ist, folgen der Eugenik als Wissenschaft politische Eingriffe. So zum Beispiel staatliche Geburtenkontrollen, Zwangssterilisationen, Heiratsverbote für „Erbkranke“ wie Epileptiker. Es wird also zur politischen Diskussion, wer sich für die Fortpflanzung eignet und wer nicht. Erschreckend dabei ist, dass viele Vertreter der Eugenik, darunter auch Jean-Jacques Hegg, davon überzeugt sind, dass sich der Mensch nicht aufgrund von äusseren Einflüssen entwickelt, sonder dass seine ganze Entwicklung genetisch bedingt ist. Laut deren Meinung ist eine suizid- oder suchtgefährdete Person nur aufgrund ihres Erbmaterials suizid- oder suchtgefährdet.

Die Eugenik stellt also ein Wertesystem dar, in welchem definiert wird, welche Menschen über „gutes“ Erbmaterial und welche Menschen über „schlechtes“ Erbmaterial verfügen. Das hiervon Rassismus und Rassentheorien nicht weit entfernt liegen, ist klar. Der weiterführende Gedanke der Eugenik ist die Euthanasie. Sie meint primär den Gnadentod oder die Sterbehilfe, wobei aber der Faschismus den Begriff stark prägte: Euthanasie wird heute in der Allgemeinheit als ideologisch bedingte „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ verstanden.

Es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass es erschreckend ist, dass eine Person wie Jean-Jacques Hegg über Jahre Politik betreibt und politische Ämter innehat, ohne dass er (wenigstens) in den öffentlichen Medien angegriffen wird. Es ist erschreckend, dass man solche Personen reden lässt und es schockiert noch mehr, wie gross die Unterstützung und Nachfrage für einen Jean-Jacques Hegg ist.

James Schwarzenbach
James Schwarzenbach war wie Jean-Jacques Hegg in der NA aktiv, und zwar als Nationalrat (1967-1979), Fraktionspräsident (1971-1974) und Parteivorsitzender. Von Beruf war er Verleger und Schriftsteller, seine Schriften galten als antisemitisch und rassistisch. Er lancierte 1969 die nach ihm benannte „Schwarzenbach-Initiative“, die eine Begrenzung des kantonalen „Ausländeranteils“ auf 10 % forderte. Die Initiative wurde mit 46% Ja-Stimmen abgelehnt. Wäre sie angenommen worden, wären etwa 300′000 Personen ausgeschafft worden.

Leserbrief im ZO
Wer denkt, Jean-Jacques Hegg habe keine Unterstützer, liegt falsch: Am 28. Februar 2011 druckte der Zürcher Oberländer ein Leserbrief von Hegg ab, in dem der ehemalige NA-Politiker eine Wahlempfehlung abgibt. Dabei legt Hegg Wert auf Parteien, die sich einerseits für das ökologische System einsetzen, andererseits für solche, die den „Ausländeranteil“ der Schweiz senken wollen. So stellt Hegg in seiner bewährten Leier Unweltprobleme und Migrationspolitik in einen direkten Zusammenhang.

Quelle: Widerrede, April 2011, Rassenwahn im Oberland